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Seminar,
Dienstag, 15-17 Uhr,
Seminarraum 15, Institut für Philosophie, Innrain
52B, 8. Stock
SÄKULARISIERUNG ODER
WIEDERKEHR DER RELIGION?
Philosophische Perspektiven zur Krise der politischen Moderne
Gemeinsam mit Dr. Andreas Oberprantacher und Mag. Marie-Luisa Frick
Beschreibung:
Ein
linearer und zumeist unhinterfragter Fortschrittsoptimismus war bis
vor kurzem ein wesentliches Kennzeichen des Selbstdeutungsmuster
westlicher Gesellschaften. In
philosophischen Gesellschaftstheorien, in sozialwissenschaftlichen
Modernisierungsdiskursen ebenso wie in demokratiepolitischen Debatten
wurde allgemein von der Annahme ausgegangen, dass der
Rationalisierungs- und soziale Ausdifferenzierungsprozess, der durch
Reformation, Aufklärung und wissenschaftlich-technologischen Fortschritt
eingeleitet worden ist, religiöses Leben zunehmend zum Verschwinden
bringen würde – nicht nur in westlichen Ländern, sondern weltweit. Dem
Begriff der Säkularisierung kam in diesem Kontext eine zweifache Bedeutung zu:
er
wurde als deskriptiv-heuristische Kategorie zur Deutung sozialer
Transformationsprozesse, aber auch als politisch-normativer
Leitbegriff zur ideologischen Absicherung der Vormachtstellung der westlichen Industrienationen
verwendet.
Vor dem Hintergrund
einer stärkeren Besinnung auf eine religiöse Lebensführung in islamischen
Ländern, evangelikaler Missionisierungsbestrebungen in Lateinamerika,
Afrika und Asien, von Kontroversen um Symbole islamischer
Religiosität (Moscheen, Kopftuch, etc.) in Ländern mit christlichen
Mehrheitskulturen sowie im Hinblick auf politische Konflikte, in denen religiöse
Argumentationsmuster eine Rolle spielen, hat sich die Prognose
einer umfassenden Säkularisierung inzwischen als problematisch erwiesen. Entgegen Webers Auffassung, dass mit der
politischen Moderne eine „Entzauberung der
Welt“
einhergehe, hat es den Anschein, als befänden sich nicht die religiösen
Gemeinschaften, sondern das westliche Gesellschaftsmodell als solches in einer
umfassenden Legitimationskrise. Die Trennung
von religiöser Gemeinschaft und Staat – wie sie Europa für sich
beansprucht – wird weltweit immer häufiger in Frage gestellt.
Im Rahmen des Seminars
soll insbesondere eine kritische Auseinandersetzung mit den theoretischen
Voraussetzungen und politisch-rechtlichen Implikationen der
Säkularisierungsthese unternommen werden. Es wird zu untersuchen sein,
inwiefern in der „klassischen“ Formulierung der
These kontingente, an die europäische Tradition gebundene Wertüberzeugungen und
soziale Ordnungsvorstellungen enthalten sind, denen keine
universelle Relevanz zugestanden werden kann. Zieht man die von
Samuel Huntington entworfene geopolitische Landkarte heran, so wird
erkennbar, dass der säkularisierte Staat ex ante als westliche
Kulturleistung definiert wird und als Basis eines antagonistischen
Politikverständnisses dient, das sich gegen andere, namentlich islamische,
Staaten richtet.
Weiters soll aus philosophischer Perspektive die Frage gestellt
werden, welche politischen Interessen mit der These einer Wiederkehr
der Religion, die in zeitgenössischen geistes- und
sozialwissenschaftlichen Diskursen vertreten wird, zusammenhängen
könnten. Angesichts der nach wie vor hohen Anzahl von Kirchenaustritten in
manchen europäischen Staaten liegt die Vermutung nahe, dass die These von
der Wiederkehr des Religiösen auch dazu dienen soll, das Profil der
Kirchen zu schärfen sowie deren Einfluss auf die öffentliche
Meinungsbildung zu stärken – nicht zuletzt deshalb, weil sie sich im
Wettbewerb mit dem Islam im Nachteil wähnen.
Schließlich soll im Seminar untersucht werden, ob bzw. inwiefern der moderne
Verfassungsstaat dem Bedürfnis nach religiösem Glauben gerecht werden
kann, ohne die politischen Prinzipien, auf denen er sich gründet,
aufzugeben.
Fragen und Themenstellungen (Auswahl):
-
Aufklärung
als Religionskritik
-
Das säkulare Menschenbild
-
Vernunft
und Religion
-
Atheismus
als Ersatzreligion?
-
Moderne
Technik und religiöser Glaube
-
Säkulare
Ideologie als Ersatzreligion?
-
Die
Säkularisierungsthese im Lichte des modernen Fortschrittsglaubens
-
Die
Säkularisierungsthese im Spannungsfeld von deskriptiver und normativer
Funktion
-
Die
Trennung von Kirche und Staat als philosophisches Prinzip
-
Die Rolle
der Religion im modernen Verfassungsstaat
-
Der
Konflikt zwischen säkularem und religiösem Rechtsbegriff
-
Die Rolle
der Zivilreligionen (civil religions) in den USA
-
Religion
und Religiosität in Europa und den USA: ein Vergleich
-
Neue Formen
der Spiritualität: zur Rolle des Buddhismus in westlichen
Industrienationen
-
Was kehrt
zurück? Religionen, Religiosität oder das Religiöse?
-
Der Islam im
säkularen Staat
-
Multikulturalismus und Säkularisierung
-
Rückbesinnung
auf das "christliche Erbe" Europas als Reaktion auf das Erstarken des
Islam?
-
Ist der
Islam „säkularisierungsresistent“?
-
Europa im Spannungsfeld von
Säkularisierungsdoktrin und jüdisch-christlichem Erbe (Europa –
ein Sonderfall der Säkularisierung?)
-
Säkularisierung und
Menschenrechte
-
Religiöser
Universalismus zwischen Missionierungsauftrag und Toleranzverständnis
-
Wie weit
reicht die Freiheit der Kunst? Das Beispiel des dänischen
Karikaturenstreits
-
Erzwungene
Säkularität? (Beispiel: Kopftuchstreit)
-
Fallstudien
zur säkularen Staatsdoktrin: Frankreich, Türkei
-
Religiöse
Legitimationsstrategien in der internationalen Politik
-
9/11 und
die Folgen für die Säkularisierungsdebatte
Literaturhinweise:
N.B. The listing of a book in this syllabus does not constitute an
endorsement by the moderator of the seminar.
Modus:
Referat mit
schriftlicher Arbeit, welche spätestens zum Ende der Lehrveranstaltung in
digitaler Form (mit einem Ausdruck) abzugeben ist.
Für das Referat muß ein Abstract vorbereitet werden. Von den
Teilnehmern können zusätzliche hier nicht angeführte Themen eingebracht
werden. Die endgültige Themenliste wird in der Vorbesprechung erarbeitet.
Eine Teilnahme ist nur im Zusammenhang mit einem Referat möglich. Für die
Benotung wird neben der schriftlichen Arbeit das Referat und die
Diskussionsteilnahme herangezogen. Da ein Großteil der relevanten
Literatur in englischer Sprache verfaßt ist, sind gute Englischkenntnisse Voraussetzung für eine Teilnahme.
Koordination:
Andreas Oberprantacher
Anmeldung bei Dr. Andreas
Oberprantacher.
Vorbesprechung: 11. März 2008.
Lehrveranstaltung für Hörer aller Fakultäten.
Persönliche Anmeldung erforderlich.
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